Krank ohne Papiere - das Kieler Medibüro hilft
Ein älterer Mann kommt mit Herz- und Nierenbeschwerden in die Sprechstunde. Da er ohne Aufenthaltsstatus in Schleswig-Holstein lebt, ist er nicht krankenversichert. Er zeigt den Vermittlern in der Sprechstunde des Kieler Medibüros die Medikamente, die er genommen hat, u. a. Blutdrucksenker, die er von Freunden bekommen hat. Damit sie länger hielten, hatte er sie immer nur bei Beschwerden genommen. Nach der Vermittlung des Medibüros an kooperierende Fachärzte stellt sich heraus, dass er unter Bluthochdruck und Diabetes leidet. Da letzterer bisher nicht behandelt worden war, sind Nierenschäden aufgetreten. Durch die ehrenamtliche Tätigkeit der Arztpraxen und die Spenden an das Medibüro Kiel erhält er inzwischen regelmäßig Behandlungen und Medikamente bei einer Apotheke.
Dies ist nur ein Beispiel für die Hilfe, die ehrenamtliche Mitarbeiter des Medibüros Kiel leisten. Das Medibüro hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen, die ohne gültige Aufenthaltspapiere in Deutschland leben, zu ihrem gesetzlich garantierten Recht auf Gesundheitsversorgung zu verhelfen. Die etwa 20 aktiv Mitarbeitenden – davon die Hälfte mit einer medizinischen Ausbildung – vermitteln Hilfesuchende ohne Krankenversicherung in medizinische Behandlung. Dabei arbeitet das im Oktober 2010 gegründete Medibüro mit Apotheken, Hebammen, Arztpraxen und einem Labor zusammen, die anonym und kostenlos untersuchen und behandeln. Drei bis fünf Menschen suchen die wöchentliche Sprechstunde auf. Alter, Geschlecht und Herkunft der Hilfesuchenden sind bunt durchmischt. In den letzten Monaten zeigt sich eine Zunahme der Patientenzahlen aus den neuen EU-Ländern. Obwohl sich diese Menschen nicht illegal in Deutschland aufhalten, ist auch für sie der Zugang zum Gesundheitssystem erschwert. Meist haben sie nur eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten, können nur mit geringfügiger Selbständigkeit überleben. Selbst der niedrigste Krankenkassenbeitrag für Selbstständige ist für die meisten nicht bezahlbar. Neben dieser Herausforderung sind es außerdem psychisch belastete Menschen, die das Medibüro vor ein Problem stellen, da bisher kaum Kontakte zu psychologischen Praxen bestehen.
Das Modell „Medibüro“ erreicht bei steigender Patientenzahl seine Grenzen. „Ehrenamtliche Tätigkeit kann kein Ersatz sein für die Aufgabe des Staates, Menschenrechte wie das Recht auf Gesundheit zu garantieren“, sagte Ruth Volk vom Medibüro Kiel. „Deshalb fordern wir die Einführung eines anonymen Krankenscheins, der allen in Deutschland lebenden Menschen ohne Angst vor Abschiebung die notwendige medizinische Behandlung ermöglicht.“ Um aktiv zur Erfüllung dieser Forderung beizutragen, erarbeitet das Medibüro zurzeit einen Antrag, der in den Schleswig-Holsteinischen Landtag eingebracht werden soll. Einzelne Abgeordnete haben sich bereits positiv geäußert. Mehrsprachige Informationen über die Arbeit des Medibüros und aktuelle Entwicklungen sind auf der Homepage www.medibuero-kiel.de verfügbar.
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